Drei Stunden hohles Feuer

Hundertachtzig Minuten Lebenszeit.
In dieser Spanne fliegen andere nach Lissabon oder lesen ein halbes Buch. Wir aber opfern diesen Abend dem deutschen Vorentscheid. Drei Stunden künstliche Streckung für eine Entscheidung, die man in der Hälfte der Zeit hätte abhandeln können. Eine Show, die sich wie Kaugummi zieht, bis der Geschmack von Unterhaltung längst verflogen ist.

Mittendrin: Barbara Schöneberger.
Sie füllt den Raum und jede Pause mit einer Energie, die eher an ein Marktschreier-Spektakel erinnert. Die Augen weit aufgerissen, schleudert sie Pointen ins Leere, die so flach sind, dass sie unter jeder Tür durchgleiten. Und dann dieser Moment der absoluten Deplatziertheit: Während draußen die Welt brennt, die Nachrichten von Raketenangriffen noch in der Luft hängen und die Sendung verspätet startet, dröhnt sie ihre Sätze über die völkerverbindende Kraft der Musik ins Mikrofon. Es wirkte nicht wie eine Einladung zum Frieden, sondern wie ein lautstark verordnetes Dogma. Ein Befehl zum Frohsinn, der jede Sensibilität vermissen ließ.

Und während eine internationale Jury eine gefühlte Ewigkeit für ihr Urteil braucht – man fragt sich, ob hier Taktik im Spiel ist, um die Konkurrenz klein zu halten – setzt sich am Ende die Bekanntheit durch. Der Mainstream überrollt die Leidenschaft der echten Fans. Die Nation entscheidet sich für das Gesicht, das sie schon kennt, statt für den Mut zur Nische.

Dann der Auftritt: Sarah Engels.
„Fire“ nennt sich das Stück, doch beim Zuschauen beschleicht einen das Gefühl einer optischen und akustischen Kopie. Man denkt an Zypern, „Fuego“, an jenen Beitrag von 2018. Diese ganze Inszenierung, diese spezifische Energie auf der Bühne – es wirkt wie eine Blaupause erfolgreicher ESC-Tage.

Und ihre Botschaft? Sie predigt Natürlichkeit.
Doch während man an diese Worte denkt, blickt man in ein Gesicht, das alles andere als naturbelassen wirkt. Die Lippen erzählen eine andere Geschichte. Die gesamte Erscheinung, das Outfit, die Gestik – es war eine Inszenierung, die so weit weg vom Authentischen war, dass sie fast schon Unbehagen auslöste.

Man sitzt vor dem Schirm und fragt sich, ob man im falschen Film gelandet ist. Doch genau an diesem Punkt lohnt sich der Blick über den eigenen Tellerrand. Denn während wir uns in unsere typisch deutsche Skepsis verbeißen, passiert jenseits der Grenzen etwas Erstaunliches: Der Wind dreht sich.

Verblüffenderweise scheint der Song international tatsächlich einen Nerv zu treffen. In den großen Fanforen wird der Beitrag gefeiert. Wo wir Wiederholung vermuten, sehen andere eine perfekte Show. Dort herrscht ein Optimismus, den wir uns kaum zuzutrauen wagen: Dass Deutschland endlich wieder die linke Seite der Anzeigetafel erobert.

Vielleicht ist unser Blick manchmal einfach zu streng. Am Ende bleibt es Unterhaltung – und Sarah Engels ist nun diejenige, die unsere Farben in Wien vertritt. Deshalb: Lassen wir die Schärfe beiseite. Hört auf, Hass zu verbreiten.

Legen wir den Zynismus ab, blicken wir nach vorn und drücken die Daumen. Wir wünschen Sarah Engels für diesen Weg viel Glück und den verdienten Erfolg.

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