Das digitale Exil

Der Wecker reißt nicht, er schneidet. Die paar Stunden Schlaf waren kein Schlaf, das war nur ein kurzes Aussetzen. Kein Licht am Fenster, nur das Flimmern des Displays auf dem Nachttisch. Die erste Handlung: Entsperren. Man atmet nicht, man spürt nicht – man prüft nur. Was kam rein? Wer will was? Wer ist man sonst, wenn man nicht sofort antwortet?

Die Küche bleibt ein Transitraum. Der Wasserkocher faucht, doch für ein Frühstück ist kein Platz im engen Zeitplan. Genuss fühlt sich an wie Verrat an der Effizienz. Ein paar Schritte nur. Ein paar Schritte vom Bett direkt ins Büro.Tür zu. Monitor an. Welt aus.

Willkommen im Home-Office-Vakuum. Dort drinnen gibt es keine Jahreszeiten, nur Versionen. Es gibt kein Wetter, nur Deadlines. Die Arbeit ist kein Job mehr, sie ist ein Versteck. Man schichtet Aufgaben aufeinander wie Sandsäcke bei einer Flut, nur um das zu blockieren, was dahinter liegt. Die Mittagspause ist ein Mythos aus einer anderen Zeit. Man isst Krümel über der Tastatur, während die Finger fliegen, während man sich tiefer in die Tabellen gräbt, denn wer gräbt, muss nicht nach oben sehen.

Draußen ziehen Menschen vorbei. Das Lachen dringt durch das geschlossene Fenster, es klingt wie eine Fremdsprache, die man selbst einmal flüssig sprach, doch nun… nun sind die Vokabeln für „Freizeit“ verloren gegangen. Jede Einladung ist eine Drohung, jede Stille ein Feind. Man flüchtet sich in E-Mails, um der eigenen Stimme zu entkommen. Die soziale Welt schrumpft, bis sie nur noch aus Pixeln besteht.

Man baut eine Mauer aus Auslastung, Stein für Stein, um dahinter zu verschwinden. Denn solange die Finger tippen, bleibt das Denken stumm. Man stürzt sich in das Projekt, wie in einen dunklen Wald, weil man Angst vor der Lichtung hat. Doch sobald die Bewegung stoppt, kommt die Stille. Und mit der Stille kommt die bohrende Gewissheit: Es reicht nicht. Es ist nie genug. Man arbeitet, um zu beweisen, dass man existiert, doch die Stimme im Kopf flüstert, dass man eigentlich gar nicht gut genug ist für diesen Platz.

Es ist 21 Uhr. Oder 22 Uhr? Die Zeit ist in diesem Raum flüssig geworden. Der Nacken ist ein Drahtseil kurz vor dem Reißen, die Augen brennen wie offenes Feuer, doch der Aus-Schalter bleibt unauffindbar. Nur noch diese eine Mail. Nur noch diese eine Zeile. Wie ein Kapitän auf einem sinkenden Schiff poliert man die Reling, weil man nicht weiß, wie man schwimmt.

Dann endlich: Deckel zu. Dunkelheit. Der Körper liegt im Bett, doch man kommt nicht an. Man hat die Arbeit beendet, aber die Arbeit beendet einen nicht. Der physische Leib ruht, doch der Geist sitzt noch immer am Schreibtisch. Die Gedanken kreisen wie Geier über dem Tag. War das gut genug? War das viel genug? Wer bleibt übrig, wenn der Ertrag fehlt?

Das Herz schlägt den Takt einer Deadline, die niemals endet. An der Decke werden keine Schafe gezählt, sondern offene Tabs. Man flüchtet in den Schlaf, doch der Schlaf ist besetzt von der Angst, dass man morgen wieder nicht genügen wird.

Morgen früh sind es wieder nur ein paar Schritte. Ein paar Schritte zurück in die Betäubung.

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