Schaut hoch.
Weg von den Bildschirmen, weg vom bläulichen Flimmern der Stadt.
Schaut in die Samtschwärze der Nacht. Dorthin, wo der Jäger Orion seine Arme in die Unendlichkeit streckt.
An seiner linken Schulter blüht ein Licht.
Ein müdes, rostiges Glimmen.
Ein Fleck wie getrocknetes Blut auf dunklem Samt.
Beteigeuze.
Sie ist uns nah und doch ungreifbar fern.
Siebenhundert Lichtjahre Distanz.
Das heißt: Was ihr jetzt seht, ist eine Geisterstunde der Astronomie.
Die Photonen auf eurer Netzhaut starteten ihre Reise, als hier unten noch Ritterburgen gebaut wurden.
Wir bewundern ein Phantom.
Wir lesen in einem Geschichtsbuch aus Feuer.
Stellt euch diese Einsamkeit vor. Ein Gigant. Siebenhundertmal größer als unsere Sonne. Würden wir sie ins Zentrum unseres Welt setzen, dorthin, wo unsere Sonne so bescheiden wacht – es gäbe kein Entrinnen.
Sie würde Merkur mit einem Wimpernschlag verdampfen.
Sie würde die Venus in ihrem Schlund ertränken.
Unsere Erde? Ein Staubkorn, weggeschmolzen in einer Millisekunde.
Und sie würde weiter greifen, gierig und gewaltig, über den Mars hinweg, bis ihre glühende Korona die Bahnen des Jupiter streift.
Alles, was wir kennen. Jeder Kontinent, jeder Ozean.
Jeder erste Kuss und jeder letzte Abschied.
Es würde im Bauch dieses Sterns Platz finden und wäre doch nur… ein unbedeutendes Rauschen in seiner Tiefe.
Lange starrten wir gebannt auf ihr Flackern. Als sie blasser wurde, hielten wir den Atem an.
Wir warteten auf den großen Knall. Auf das Ende der Weltordnung.
Doch Beteigeuze stirbt nicht. Noch nicht.
Sie ist eine geschickte Illusionistin.
Hubble hat tiefer geblickt. Hinter den Vorhang aus Staub.
Und da ist er: Der Komplize.
Ein kleiner, dunkler Begleiter. Ein massearmer Schatten, der so nah um die Gigantin tanzt, dass er ihre Atmosphäre wie ein Pflug durchzieht.
Er ist der Architekt der Täuschung. Er zieht eine kühle Spur aus Staub hinter sich her. Einen Schleier, der uns die Sicht stahl.
Beteigeuze ist stabil. Noch.
Sie wird uns noch lange erhalten bleiben, während sie ihren kleinen Begleiter langsam, Zentimeter für Zentimeter, in sich aufsaugt.
Doch irgendwann… in einer Zeit, die wir uns kaum vorstellen können, wird die Täuschung enden. Wann immer sie in der Supernova explodiert – es ist ungewiss, ob es uns, ob es die Menschheit dann noch geben wird.
Aber wer auch immer dann auf diesem Planeten lebt, welche Augen auch immer in ferner Zukunft zum Himmel schauen: Sie werden Zeugen eines Wunders.
Mitten am Nachmittag wird ein neuer Punkt erscheinen. Ein Licht, so gleißend, dass es die Sonne herausfordert. Diese fernen Lebewesen werden stehen bleiben und nach oben deuten, während die Supernova tagsüber sichtbar bleibt.
Und wenn die Sonne sinkt, wird Beteigeuze strahlen wie ein Vollmond. Ein Licht, das Schatten wirft. Monatelang dieses Spektakel. Ein silberner Abschiedsgruß einer vergangenen Ära.
Und erst dann… wenn dieses Feuer verblasst, wird die Schulter des Jägers leer sein.
Also, wenn ihr das nächste Mal draußen seid:
Sucht die Schulter des Jägers. Blinzelt ihr zu.
Solange sie noch da ist.
Solange wir noch da sind.
Um ihr Licht zu empfangen.




