Meine Damen und Herren, liebe politisch Verwirrte und solche, die es im Angesicht der baden-württembergischen Nachrichtenlage noch werden wollen: Setzt euch, nehmt euch einen Keks – am besten einen aus Dinkel, wegen der Koalitionshygiene – und schnallt euch an. Wir begeben uns heute auf eine Reise in ein Paralleluniversum, das so nah an der Realität liegt, dass man es kaum noch von einer Satiresendung unterscheiden kann.
Stellen wir uns das Unvorstellbare vor. Die Wahl ist gelaufen. Die CDU hat knapp die Nase vorn, die Sektkorken knallen in der Heilbronner Straße so laut, dass man es bis nach Sigmaringen hört. Und dann tritt Cem Özdemir ans Mikrofon. Nicht mit einer Niederlage im Gepäck, sondern mit einem Vorschlag, der so viel Chuzpe besitzt, dass selbst die hartgesottensten Lobbyisten kurz den Atem anhalten. Er schlägt vor: Amtszeit-Teilung. „Cem-Sharing“. Man teilt sich das Staatsministerium wie ein WG-Zimmer oder ein Lastenrad. Zweieinhalb Jahre darf der eine die Hand schütteln, zweieinhalb Jahre der andere.
In der politischen Kommentatoren-Szene bricht das große Schenkelklopfen aus. Tränen vor Lachen! Die Satiriker können ihren Vorruhestand anmelden, denn die Realität hat sie rechts überholt. Und aus dem Südenosten, aus dem gelobten Land der Weißwurst und des bayerischen Absolutismus, hört man es donnern. Markus Söder*in würde verkünden, dass die Grünen nun endgültig den Verstand verloren haben: „Lifestyle-Teilzeit im Staatsministerium? Des is ja wie alkoholfreies Bier auf der Wiesn – völlig sinnlos!“
Doch jetzt kommt der Clou: Es war gar nicht Cem. Nein, es war Masken-Jens, unser aller Krisenmanager aus den dunklen Tagen der FFP2-Beschaffung, der diesen Vorschlag höchstselbst ins Spiel brachte. Und zwar für Manuel Hagel.
Man muss sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Die Union, jene Partei, die „Lifestyle-Teilzeit“ normalerweise als den Untergang des christlichen Abendlandes brandmarkt, schlägt plötzlich das „Job-Sharing im Staatsministerium“ vor. Warum? Weil man in den Parteizentralen offenbar findet, das sei „fair“, da man ja nur 0,5 % hinter dem Sieger liegt. In der Welt der CDU ist ein Wahlsieg also kein Mandat, sondern eher so eine Art befristeter Mietvertrag mit Untermiet-Option.
Ausgerechnet Jens Spahn findet nun, dass ein Ministerpräsidenten-Posten eigentlich eine prima Halbtagsstelle ist. Nach exakt 30 Monaten wird die Eieruhr umgedreht. „Cem, rück mal ein Stück, jetzt kommt der Manuel!“
Vielleicht braucht Manuel diese 30-monatige Pause auch, um sein Archiv zu pflegen. Wir reisen acht Jahre zurück. Ein junger Abgeordneter besucht eine Schulklasse. Er ist 29, voller Tatendrang und… nun ja, voller Begeisterung für die Demografie der Klasse. Er sagt diesen Satz, der heute wie ein Echo aus einer fernen Galaxie klingt:
„Also da gibt’s für 29-jährige Abgeordnete schlimmere Termine als diesen.“
Warum? Weil die Klasse zu 80 % aus Mädchen bestand. Er beschreibt eine Schülerin, die ihm eine inhaltliche Frage stellte:
„Ich werd’s nie vergessen, die erste Frage, sie hieß Eva, braune Haare, rehbraune Augen.“
Man fragt sich: War das ein politischer Termin oder die erste Folge einer Dating-Show? Während andere über Digitalisierung grübeln, speichert Manuel Augenfarben von Minderjährigen ab. „Rehbraune Augen“ – das ist der Stoff, aus dem politische Albträume gemacht sind. Und das Beste: Dieses Video ist in Kreisen der Union kein Geheimnis. Man kennt es dort seit Jahren – bis es im Scheinwerferlicht plötzlich zum Problem wurde.
Aber halt! Manuel ist auch ein Mann der Wissenschaft. Zumindest versucht er es zu sein. Es gibt da dieses Video, wo er den „Treibhauseffekt“ erklärt:
„Zwischen der Erde und der Sonne ist die Atmosphäre und wenn die immer dünner wird, dann wird die Sonne immer heißer und der Grund dafür sind Abgase, CO2 und und und das ist dieser Treibhausgaseffekt. Alright, oder?“
„Alright, oder?“ Nein, Manuel, gar nichts ist „alright“. Die Atmosphäre wird dünner? Die Sonne wird heißer? Das ist Physik auf dem Niveau eines Glückskekses. Wer Schülerinnen nach ihrer Augenfarbe sortiert, nimmt sie beim Thema Klimaschutz offenbar auch nicht ernst genug, um wenigstens die Wikipedia-Einleitung zu lesen.
Und hier treten nun wieder Masken-Jens, Strobl und Konsorten auf den Plan. Seit Jahren fährt die Union medial schwerste Geschütze gegen die Grünen auf. Die Union hat diese Disziplin perfektioniert: Sie hat Peter Altmaiers Heizungsgesetz kurzerhand zu „Habecks Heizungsgesetz“ umgetauft. Man wettert gegen die eigene Schöpfung, als hätte man sie nie gesehen, und schafft sie dann mit einem rituellen Freudentanz wieder ab – das ist Belügen des Volkes in Reinform.
Aber wehe, der Spieß wird umgedreht. Wehe, man führt der Union ihre eigenen Vorlagen vor die Nase. Dann ist plötzlich Schluss mit der harten Kante. Dann verfallen Spahn, Strobl und der ganze Rest in ein kollektives, beleidigtes „Mimimi“.
Sie alle versuchen nun die große Schmutzkampagnen-Theorie. Sie sprechen von Dirty Campaigning, von Lügen und Schlammschlacht. Das ist die hohe Schule der Täter-Opfer-Umkehr. Eine Schmutzkampagne basiert normalerweise auf Lügen. Hier jedoch besteht der „Schmutz“ schlichtweg aus der Realität. Die CDU liefert die Vorlage selbst, in Farbe und mit vollständigen Zitaten und dünnhäutigen Reaktionen, und beschwert sich dann, dass jemand die „Play“-Taste drückt. Wenn der Kandidat die Peinlichkeit liefert, ist das keine Kampagne, das ist Dokumentation.
Was wir hier erleben, ist die totale Selbstdisqualifikation in Zeitlupe. Die Union führt sich selbst vor, verheddert sich in ihren eigenen Widersprüchen und reagiert auf Kritik wie ein trotziges Kind. Es fehlt eigentlich nur noch der finale Schritt in der Eskalationsleiter: Dass sie in echter Trump-Manier von Wahlbetrug anfängt.
„Die 0,5 Prozent Rückstand waren eigentlich ein Erdrutschsieg, man muss sie nur im richtigen Licht betrachten!“ Das ist die neue CDU-Logik: Das ist so, als würde man beim Fußball nach einer 0:1 Niederlage fordern, dass man den Pokal bitteschön für zweieinhalb Monate im eigenen Trophäenschrank ausstellen darf – man hat ja schließlich fast ein Tor geschossen!
In der Union glaubt man offenbar: „Knapp daneben ist auch gewonnen – zumindest für eine halbe Stelle.“ Es ist der Versuch, das demokratische Prinzip durch eine Art politische „Teilhabe-Prämie“ zu ersetzen. Wer Zweiter wird, bekommt die Hälfte der Macht? Wenn das Schule macht, fordern demnächst auch die Zweitplatzierten beim ESC, dass sie den Grand Prix wenigstens für ein halbes Jahr im Wohnzimmer aufstellen dürfen.
Es ist ein Trauerspiel in 30-Monats-Akten. Die Union klammert sich an die Macht, während sie gleichzeitig jeglichen intellektuellen Anspruch an der Garderobe abgegeben hat.
Es ist bizarr: Ein grüner Wahlsieger soll sich die Macht mit einem Zweitplatzierten teilen, weil die CDU findet, dass 0,5 Prozentpunkte Unterschied eine Teilung zur exakten Halbzeit rechtfertigen. Ein Ministerpräsident, der die Atmosphäre für ein schmelzendes Eis am Stiel hält und Schülerinnen mit Rehaugen-Vergleichen beglückt, braucht vielleicht wirklich eine Pause. Aber nicht nach der Hälfte der Legislaturperiode – sondern vielleicht schon vor dem ersten Tag.
Denn am Ende bleibt die Frage: Wenn die Atmosphäre zwischen der Sonne und der CDU immer dünner wird, wird dann die politische Hitze unerträglich? Eines ist sicher: „Alright“ ist hier gar nichts. Aber unterhaltsam? Unterhaltsam ist es allemal.

