Das System-Stall-Syndrom

Wir stehen in einem Museum, das wir „Zukunft“ nennen, während wir die Wände mit Tapeten aus dem Jahr 1994 überkleben.
Schaut nach Norden. Schaut auf Dänemark. Dort bricht gerade die alte Welt weg – nicht durch ein Beben in der Erde, sondern durch die schiere Wucht der Realität. Dort stirbt der Verbrenner. Nicht durch Gejammer, nicht durch endlose Talkshows, sondern durch eine Politik, die begriffen hat, dass man Geschichte nicht aufhält, indem man sich an ihre Auspuffrohre klammert.

Dort fährt die Zukunft elektrisch, leise, effizient. Dort ist der Wandel kein Drohszenario für das Abendland, sondern ein optimiertes Betriebssystem.
Und wir?
Wir sitzen hier im deutschen Schlafwagen, Abteil erster Klasse, Polsterung aus schwerem, staubigem Samt, und diskutieren darüber, ob das Pferd nicht vielleicht doch die sicherere Anlage war.

Willkommen im Land der Bedenkenträger.
Willkommen im Land der „Ja, aber“-Sager.
Willkommen in der Bundesrepublik der Bremsspur-Fetischisten!

Schaut euch diese Politik an. Sieht das aus wie Führung?
Nein, das ist betreutes Verwalten des Niedergangs. Das ist das System-Stall-Syndrom: Der totale Strömungsabriss jeglicher Vernunft.
Wir haben Minister, die das Wort „Technologieoffenheit“ vor sich hertragen wie eine heilige Monstranz, aber was sie wirklich meinen, ist: „Bitte lass alles so bleiben, wie es war, als mein Opa noch mit dem Käfer nach Italien fuhr.“
Technologieoffenheit, das ist das deutsche Codewort für: „Wir haben den Schuss nicht gehört, aber wir wollen die Pistole unbedingt behalten!“

Und ganz vorne mit dabei: Unsere Ministerin. „Gas-Kathi“.
Die Patronin der Pipelines, die Schutzheilige des Methans, die Hohepriesterin des Schweröls.
Sie steckt so tief mit der Fossillobby unter einer Decke, dass man gar nicht mehr weiß, wo die Lobby aufhört und das Ministerium anfängt.
Während Dänemark das Netz der Zukunft webt, strickt sie an den Fesseln von gestern.
Es ist kein Versehen, es ist Vorsatz.
Man lässt das Land im Gestern verharren, weil die alten Seilschaften im Heute noch zu gut an jedem Tropfen Öl und jedem Kubikmeter Gas verdienen.
Man verkauft uns Erdgas und Öl als Brücke.
Aber schaut genau hin: Diese Brücke führt nirgendwohin. Sie ist eine Einbahnstraße in den Sumpf.
Es ist eine Brücke aus morschem Holz, getränkt in Rohöl, während die Dänen längst auf der anderen Seite stehen – auf festem, grünem Boden – und uns fassungslos dabei zusehen, wie wir mit wehenden Fahnen und vollen Tanks im Gestern ertrinken!

Dänemark hat begriffen, dass Steuern kein lästiges Übel sind, sondern ein Lenkrad. Ein Präzisionswerkzeug.
Dort hat man Rückgrat bewiesen. Schaut euch die dänische „Luxussteuer“ an. Eine Zulassungssteuer, die zubeißt, wo es wehtut: beim Festhalten am Schrott der Vergangenheit.
In Deutschland hätscheln wir den Verbrenner mit dem Dienstwagenprivileg, wir füttern das Gestern mit Milliarden an Steuergeschenken, als wäre CO2 ein seltener Rohstoff, den wir unbedingt erhalten müssen.

In Dänemark sagt der Staat: „Du willst einen dicken Verbrenner? Fein. Dann zahl erst mal 25 Prozent auf den Fahrzeugwert – und wenn er richtig teuer ist, legen wir noch mal 150 Prozent oben drauf!“
Das ist eine Luxussteuer auf die Ewiggestrigen. Das ist die physikalische Korrektur eines Marktversagens. Wer Dreck schleudert, finanziert den Fortschritt der anderen.
Das ist kein „Verbot“, das ist ökonomische Hygiene.

In Deutschland subventionieren wir das Öl, während „Gas-Kathi“ und ihre fossilen Freunde die Bremsklötze schmieren.
Wir haben Angst, dem Autofahrer auch nur ein Haar zu krümmen, während uns die Welt technologisch die Rücklichter zeigt.
In Dänemark entscheiden sich mittlerweile 94 Prozent der Privatkund*innen für Elektro – nicht weil sie alle Heilige sind, sondern weil das System sie belohnt, wenn sie aufhören, den Planeten zu verheizen.

Und wir?
Wir bauen Mauern. Wir bauen Mauern aus Bürokratie und Faxgeräten.
Unser Land ist ein einziger Bremswiderstand. Wir wandeln die kinetische Energie der Jugend in Reibungswärme von Aktenordnern um!

Hört euch die Debatten an. Es geht um E-Fuels. E-Fuels!
Das ist das homöopathische Mittel der Automobilindustrie.
Ein sündhaft teures Placebo, damit wir uns einreden können, dass der röhrende Auspuff irgendwann mal nach Veilchen duftet, während das Öl im Getriebe der Macht weiter still und heimlich fließt.
Dazu schwärmen sie von „hocheffizienten Verbrennern“.
Was für ein Euphemismus! Das ist so, als würde man eine besonders aerodynamische Kutsche bauen, während die anderen schon den Transrapid nehmen.
„Hocheffizient“ bedeutet hier nur: Wir verbrennen die Zukunft ein kleines bisschen langsamer als bisher.
Es ist der verzweifelte Versuch, das 19. Jahrhundert mit dem 21. zu verheiraten, und das Ergebnis ist eine Totgeburt, die wir mit Milliarden an Steuergeldern künstlich beatmen.

In Dänemark sinken die Emissionen, die Luft wird klarer, das Netz wächst wie ein gesundes Nervensystem durch das Land.
Und bei uns?
Bei uns streiten wir darüber, ob eine Ladesäule das Ortsbild verschandelt, während Gas-Kathi die nächste fossile Infrastruktur einweiht, die in zehn Jahren nur noch als Mahnmal politischer Blindheit taugt.
Wir haben eine Ästhetik des Verfalls gewählt und nennen es stolz Industriestandort.

Es ist eine Arroganz der Bequemlichkeit.
Wir dachten, wir wären die Ingenieure der Welt. Aber wir sind zu Kuratoren geworden.
Wir bewahren den Status Quo wie eine heilige Reliquie.
Wir sitzen in unseren Vorstandsetagen und Ministerbüros, trinken abgestandenen Filterkaffee und entscheiden über die Köpfe einer Generation hinweg, die längst weiß, dass dieser Planet keine Rückwärtsgang-Garantie hat.

Anklage!
Ich klage euch an, ihr Verwalter der Vergangenheit!
Ihr, die ihr Angst habt vor dem ersten Schritt, weil er euch aus der Komfortzone der alten Lobby-Verträge führen könnte.
Ihr blockiert die Schienen, ihr drosselt das Netz, ihr verlangsamt den Puls dieses Landes, bis wir im Koma liegen und von den guten alten Zeiten träumen.

Es ist peinlich. Es ist zutiefst würdelos, wie wir uns als die Großen aufspielen, während wir technologisch auf dem Niveau eines Tamagotchis stehen geblieben sind.
In Dänemark lachen sie nicht über uns. Sie haben Mitleid.
Mitleid mit einem Riesen, der sich weigert zu laufen, weil seine Ministerin ihm eingeredet hat, dass Rollatoren aus Öl und Gas die einzig wahre Zukunft sind.

Wir brauchen keine Gipfel. Wir brauchen keine weiteren Arbeitskreise!
Wir brauchen jemanden, der das Faxgerät aus dem Fenster wirft und sagt: „Ab heute wird hier gebaut. Und zwar für morgen!“

Glaubt ihr wirklich, dass wir mit dieser Rückwärtsgewandtheit bestehen können?
Die Welt passiert einfach.
Dänemark zeigt es uns: Es ist kein utopisches Märchen. Es ist das Ergebnis einer Entscheidung.
Einer Entscheidung gegen die Angst und für den Fortschritt.
Einer Entscheidung, die besagt: Wir wollen nicht die Letzten sein, die das Licht ausmachen.

Hört auf zu bremsen!
Hört auf zu blockieren!
Die Vergangenheit braucht euren Schutz nicht. Sie ist abgeschlossen.
Was euren Schutz braucht, ist die Welt von morgen.
Die Freiheit, mobil zu sein, ohne den Planeten zu verheizen.

Ich habe keine Lust mehr auf den Geruch von altem Diesel, klebrigem Öl und korruptem Gas.
Ich will die Dynamik. Ich will den Strom. Ich will das Leise.
Ich will, dass wir endlich aufhören, der Bremswiderstand der Welt zu sein.

Dänemark hält uns den Spiegel vor.
Und was wir darin sehen, ist ein müdes, altes Gesicht, das krampfhaft versucht, die Falten der Bedeutungslosigkeit wegzulächeln, während die fossile Lobby ihm mit öligen Fingern die Hand vor den Mund hält.

Es reicht!
Reißt die Mauern ein. Schaltet den Strom ein. Werft den Ballast ab.
Und verdammt noch mal: Fangt an zu fahren!
Nicht rückwärts. Nicht im Leerlauf.
Sondern nach vorn.

Setzt euch in Bewegung. Jetzt.
Oder geht uns aus dem Weg!

Hintergrund

Was ist das „System-Stall-Syndrom“?Der Begriff leitet sich vom aerodynamischen Strömungsabriss (engl. Stall) in der Luftfahrt ab. Er beschreibt den Zustand, in dem ein Flugzeug seinen Auftrieb verliert, weil die Luft nicht mehr glatt über die Tragflächen strömt. Das Flugzeug sackt unkontrolliert ab.

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