Inventur der Scherben

Es hat gedauert. Lange. Überreif ist gar kein Ausdruck.
Das hier ist keine Rache, das ist eine Inventur der Scherben.

Vergessen? Funktioniert nicht.
Verdrängen? War mein Vollzeitjob.
Ich war der Weltmeister im „Mit-mir-selbst-Ausmachen“.
Ein einsamer Wolf im digitalen Schafspelz.
Ich habe das Schweigen perfektioniert,
während die Bilder in mir drin immer lauter schrien.

​Ein Herbst Anfang der neunziger Jahre. Ein neues Blatt, eine neue Schule, ein neuer Weg.
Der Wechsel. Der nächste Schritt. Ich dachte: „Endlich geht’s los.“
Ein paar Leute von früher, ein vertrautes Netz – man kennt sich ja.
Dachte ich.
Aber Sicherheit ist eine Illusion, die am Klassenzimmerfenster zerschellt.

Der erste Schultag. Morgensonne. Drei Mädchen vor der Tür.
Ein Satz wie ein giftiger Pfeil:
„Da lässt du dich auf was ein!“
Ich? Ich hatte keinen blassen Schimmer.
Zehn Minuten später schlägt die Tür zu.
Blick in die Runde.
Eins, zwei, zehn, zwanzig… keine Ahnung. Es waren einfach zu viele. Ein ganzes Jahr lang.
Mitten in der Pubertät. Als einziger Junge. Umringt von Hormonen, von Alphaweibchen, von einer Dynamik,
die dich nicht frisst, sondern langsam zersetzt.

Und das System? Das System hatte einen Namen.
Es trug einen Titel und saß hinter einem Schreibtisch aus Akten, Attesten und Ahnungslosigkeit.
„In der neunten Klasse klappt das doch auch“, hieß es.
Als wäre eine Seele eine statistische Größe.
Er schmückte sich mit dem Titel, aber er scheiterte am Menschen.
Ein Herr Doktor der Pädagogik, der nicht mal das kleine Einmaleins der Empathie beherrschte.
Er sah nur Zahlen. Aber ein Jahr Unterschied in diesem Alter?
Das ist kein Jahr, das ist ein Universum!
Der Unterschied zwischen Dazugehören und Ausgestoßen-Sein.

Mobbing. Heute ein Modewort für jede kleine Kränkung.
Wer das sagt, hat keine Ahnung.
„Mobbing funktioniert nur, wenn der Geplagte den Mund hält.“
Dieser Satz sitzt. Er brennt.
Denn ich hielt den Mund. Ich hielt ihn so fest verschlossen,
dass die Worte in mir zu Stein wurden.

Permanente Peinigungen, hämische Häppchen. Ein Wort zu laut – Treffer. Ein Blick zu lang – Versenkt.
Die falsche Hose: Flankenschuss. Die falsche Musik: Volltreffer. Die falsche Antwort: Totalschaden.

Jeder Versprecher vor der Klasse – ein gefundenes Fressen.
Jeder kleinste Fehler an der Tafel – ein Festmahl für die Hyänen.
Ein kurzes Quietschen, die falsche Tonlage in der Antwort,
und schon fraßen sie mich bei lebendigem Leibe.

Ich war die wandelnde Zielscheibe in einem Krieg, den ich nie erklärt habe,
während mein eigenes Organ mich zum Zielschießen freigab.

Egal was ich tat, es war Benzin im Feuer.
Reagierte ich: Der Depp. Reagierte ich nicht: Auch der Depp.
Ein Teufelskreis, choreografiert vom Rudel der Alphaweibchen,
während die Lehrer das Zähnefletschen als Lächeln missverstanden.

Mein Fluchtpunkt: Ein Monitor.
Ich baute mir Welten aus Pixeln, aus Macht und Kontrolle,
weil ich in der echten Welt nur der Spielball war.
Und wenn heute über das Unbegreifliche gesprochen wird,
über die Momente, in denen Menschen zerbrechen und um sich schlagen –
dann kenne ich das Echo in den Köpfen dieser Verlorenen. Nicht, weil ich sie rechtfertige. Niemals.
Sondern weil ich die Kälte kenne, die der Verzweiflung vorausgeht.
Das Vakuum, in dem jeder Hilferuf verhallt.

Mehr als ein Jahrzehnt später. Ein Flimmern auf dem Schirm.
Eine Doku über den Psychokrieg im Klassenzimmer.
Plötzlich wurde ich zurückkatapultiert und wusste:
Ich war einer von ihnen.
Einer von denen, die im Stillen litten.

Heute sitze ich nicht mehr stumm vor dem Schirm.
Heute schreibe ich.
Heute rede ich.
Keine Rache. Nur Aufarbeitung.
Ich weiß, wie es ist, wenn die Stille in den Ohren dröhnt, wenn man so lange unsichtbar war, bis man nur noch als Knall stattfinden will.

Aber ich bin hier.
Ich lebe.
Und ich breche das Schweigen.
Weil die Zeit nicht nur reif ist…
…sie ist endlich da.

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