Es gibt Abende,
an denen ich mich selbst kaum ertrage.
Nicht, weil ich mich hasse,
sondern weil ich mich nicht mehr erkenne.
Ich sitze da,
in einem Raum, der eigentlich hell ist,
und trotzdem fühlt es sich an,
als hätte jemand das Licht gedimmt,
nur für mich.
Ich frage mich,
wann ich angefangen habe,
mich zu verlieren.
War es ein Moment?
Ein Jahr?
Ein Leben?
Oder war es ein leises,
langsames,
unmerkliches Abrutschen,
wie Sand,
der durch die Finger rinnt,
ohne dass man es verhindern kann?
Ich habe so lange versucht,
ein Mensch zu sein,
der niemanden stört.
Der nicht auffällt.
Der nicht aneckt.
Der nicht zu laut,
nicht zu leise,
nicht zu viel,
nicht zu wenig ist.
Ein Mensch,
der sich entschuldigt,
bevor er überhaupt etwas gesagt hat.
Ich habe mich erklärt.
Wieder und wieder.
Ich habe meine Gefühle gerechtfertigt,
als wären sie Verbrechen,
für die ich einen Freispruch brauchte.
Ich habe meine Gedanken seziert
und vor anderen ausgebreitet,
nur damit sie verstehen,
warum ich bin, wie ich bin.
Ich habe Argumente gesammelt
für meine Art zu leben,
als müsste ich meine Existenz
mit Fakten beweisen.
Ich habe um Erlaubnis gefragt,
traurig zu sein,
müde zu sein,
anders zu sein.
Ich habe versucht, die Logik in meinem Schmerz zu finden,
damit er für andere
bequemer zu ertragen ist.
Ich habe mich schuldig bekannt,
bevor ein Urteil gefällt wurde.
Ich habe mich klein geredet,
um den Raum der anderen nicht zu stören.
Und jedes Mal,
wenn ich trotzdem stolperte,
habe ich die Beweislast gegen mich selbst geführt.
Ich habe nach außen gezeigt,
auf die Welt,
auf die Narben,
auf die Umstände –
immer auf der Suche nach einer Entschuldigung,
die groß genug war,
um mein bloßes Sein zu rechtfertigen.
Bis ich irgendwann stehen blieb.
Nicht, weil ich wollte.
Weil ich nicht mehr konnte.
Und in dieser Stille,
in dieser Schwere,
in diesem Moment,
in dem alles in mir brannte
und gleichzeitig erlosch,
hörte ich etwas,
das ich viel zu lange übertönt hatte:
Mich.
Nicht die Version,
die funktioniert.
Nicht die Version,
die niemandem zur Last fällt.
Nicht die Version,
die brav in die Form passt,
die andere für mich gebaut haben.
Sondern die echte.
Die verletzliche.
Die widersprüchliche.
Die unruhige.
Die, die nachts wach liegt
und sich fragt,
ob sie überhaupt richtig ist.
Und plötzlich wurde mir klar:
Ich bin nicht falsch.
Ich bin nur echt.
Ich bin nicht kaputt.
Ich bin nur sensibel.
Ich bin nicht verloren.
Ich bin nur ein Ozean,
während andere nur die Oberfläche streifen.
Ich bin die Strömung unter dem Spiegel,
das Leuchten in der Tiefe,
die man nur findet, wenn man das Tauchen nicht scheut.
Ich bin nicht das Problem.
Ich bin der Mensch,
der endlich in den Spiegel seiner eigenen Seele blickt.
Und je länger ich mich selbst anschaue,
ohne Urteil,
ohne Flucht,
ohne Ausrede,
desto mehr erkenne ich:
Da ist so viel in mir,
das ich nie zugelassen habe.
Wärme.
Mut.
Zärtlichkeit.
Wut.
Klarheit.
Hunger.
Licht.
Alles durcheinander,
alles gleichzeitig,
alles echt.
Und während ich das sehe,
während ich mich selbst
zum ersten Mal nicht bekämpfe,
sondern annehme,
passiert etwas,
das ich nicht kommen sehe:
Die Schwere wird leichter.
Die Dunkelheit wird weicher.
Die Stille wird wärmer.
Es ist kein Knall.
Kein Durchbruch.
Kein Wunder.
Es ist ein Atemzug,
der tiefer ist als die davor.
Ein Gedanke,
der nicht gegen mich arbeitet.
Ein Gefühl,
das sich nicht versteckt.
Es ist,
als würde mein Inneres
langsam aufstehen,
nach Jahren des Duckens,
des Versteckens,
des Schweigens.
Und plötzlich
fühlt sich mein Körper weiter an,
als hätte jemand
die Grenzen verschoben.
Plötzlich
fühlt sich mein Herz größer an,
als hätte es Platz geschaffen
für alles,
was ich bin.
Plötzlich
fühlt sich mein Leben heller an,
als hätte jemand
die Vorhänge geöffnet,
ohne mich zu fragen.
Ich stehe da,
mit einem Gefühl,
das ich kaum benennen kann:
Eine Mischung aus Frieden
und Aufbruch.
Aus Klarheit
und Mut.
Aus Dankbarkeit
und Hunger.
Ein Hochgefühl,
das nicht von außen kommt,
sondern aus mir.
Eine Euphorie,
die nicht explodiert,
sondern wächst.
Ein Licht,
das nicht blendet,
sondern bleibt.
Ich bin nicht fertig.
Ich bin nicht geheilt.
Ich bin nicht angekommen.
Aber ich bin wach.
Und das reicht,
um die Nacht zu überstehen.
Und es reicht,
um den Morgen zu begrüßen.




