Wo Stille zu sprechen beginnt

Wenn Berührung fehlt, beginnt das Flüstern.
Es beginnt dort, wo Stille nicht mehr nur Stille ist, sondern ein feiner Rand, an dem etwas vibriert.
Ein kaum hörbarer Satz, der sich nicht traut, ein Wort zu werden.
Ein Atemzug, der sich an deine Haut legt, ohne sie zu berühren.
Ein Hinweis darauf, dass Nähe nicht verschwindet, nur weil niemand da ist, der sie ausspricht.

Es ist dieses Flüstern, das sich durch den Raum tastet,
durch die Falten der Luft, durch die Schatten an den Wänden,
durch die Zwischenräume deiner Gedanken.
Es ist nicht laut, es will nicht laut sein.
Es will nur erinnern.

Erinnern daran,
dass dein Körper mehr weiß als du,
dass er spürt, bevor du denkst,
dass er lauscht, bevor du fragst,
dass er antwortet, bevor du überhaupt merkst,
dass du etwas gefragt hast.

Wenn Berührung fehlt, beginnt das Flüstern,
und plötzlich hörst du Dinge, die du sonst überspringst:
das leise Knacken im Holz,
das sanfte Schieben des Atems,
das kaum merkliche Zittern, wenn du zur Ruhe kommst.
Nicht weil du unsicher bist,
sondern weil etwas in dir endlich Platz hat, sich zu zeigen.

Das Flüstern legt sich an deine Schultern,
nicht wie eine Hand,
sondern wie ein Gedanke, der sich ausbreitet.
Es wandert über deinen Rücken,
nicht um dich zu berühren,
sondern um dich daran zu erinnern,
dass du da bist.
Dass du fühlst.
Dass du atmest.
Dass du nicht verschwunden bist,
nur weil niemand dich gerade hält.

Es ist ein Flüstern, das Geduld hat.
Es drängt nicht.
Es fordert nichts.
Es bleibt einfach.
Wie ein Licht, das nicht heller wird,
aber auch nicht ausgeht.
Wie ein Raum, der sich nicht füllt,
aber auch nicht leer bleibt.
Wie ein Versprechen, das niemand ausgesprochen hat,
und das trotzdem gilt.

Und irgendwann merkst du,
dass dieses Flüstern nicht versucht, Berührung zu ersetzen.
Es versucht, dich zurückzuführen.
Zu dir.
Zu dem Teil in dir,
der weich bleibt,
auch wenn die Welt hart wird.
Zu dem Teil,
der sich erinnert,
dass Nähe nicht immer Hände braucht.
Manchmal reicht ein Atemzug.
Manchmal reicht ein Gedanke.
Manchmal reicht die Art, wie die Luft sich anfühlt,
wenn du endlich still wirst.

Wenn Berührung fehlt, beginnt das Flüstern.
Und vielleicht ist das kein Verlust,
sondern ein Anfang.
Ein Anfang von etwas,
das nicht laut sein muss,
um wahr zu sein.

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